VORWORT
Die Recherche „Undercover“ birgt für den investigativen Journalismus ein
großes, längst nicht ausgeschöpftes Potential. Oft könnten Missstände oder
dubiose Machenschaften nur aufgedeckt werden, wenn Reporter bereit seien,
in Rollen zu schlüpfen – etwa als Pharmareferent, als Organhändler oder als
1-Euro-Spargelstecher.
Seit Einführung des modernen Journalismus wurde die Undercover-Recherche
von Vorreitern wie Egon Erwin Kisch oder William Thomas Stead mit Erfolg
praktiziert. Der eine schaute sich in den Obdachlosenunterkünften Prags um,
der andere deckte einen Pädophilen-Ring in der Londoner Oberschicht auf.
Heute ist die Methode der verdeckten Recherche durch die spektakulären Enthüllungen
von Gerhard Kromschröder oder Günter Wallraff bekannt. Später
konnte beispielsweise Volker Lilienthal auf diese Weise Schleichwerbefälle im
öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufdecken. Doch auch jenseits der spektakulären
Enthüllungen bietet das Genre Potential.
Auf einer Fachkonferenz im November 2008 hat das Netzwerk Recherche gemeinsam
mit der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach erfolgreiche
Recherche-Projekte präsentiert und die Chancen für mehr verdeckte Recherchen
im journalistischen Alltag ausgelotet. Wie sieht das Handwerk der Undercover-
Recherche aus? Welche ethischen Grenzen sind zu beachten? Welche
juristischen Fallstricke gibt es?
Dabei ist vor allem die Suche nach den Grenzen der Methode spannend. Verdeckte
Recherche heißt immer auch Vertrauensbruch. Der Reporter schleicht sich ein und erwirbt seine Kenntnisse unter falscher Flagge. Wann ist dieses
Vorgehen gerechtfertigt? Wann nicht? Neben rechtlichen Grenzen gibt es moralische
Hürden. Ist die Recherche im Beichtstuhl erlaubt? Nicht umsonst hält
der Presserat verdeckte Recherchen nur ausnahmsweise für zulässig, wenn
ein überwiegendes öffentliches Interesse an Informationen besteht und wenn
diese Informationen nicht auf andere Weise beschafft werden können.
In Deutschland wird Undercover-Journalismus gelegentlich als Krönung des
recherchierenden Journalismus verstanden. Dies ist sicher nicht richtig. Stattdessen
besteht die Gefahr, dass die verdeckte Recherche nur als ein bequemer
Weg missverstanden wird, mit einer schnellen Lüge ans Rechercheziel zu
kommen. Hier gilt es Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen. Und
Effekthascherei zu vermeiden.
Richtig angewendet kann die verdeckte Recherche auf jeden Fall eine Bereicherung
sein, um Miseren aufzuklären oder die Lebensverhältnisse in unserer
Gesellschaft bewusst zu machen. Sei es, wenn Journalisten illegale Geschäfte
mit genmanipuliertem Getreide aufdecken oder das Leben Obdachloser beschreiben.
In diesem Werkstattbericht haben wir die Ergebnisse der Tagung zusammengefasst.
Wir möchten damit interessierten Reportern ein paar Anregungen für
den Undercover-Job in der Berufspraxis geben.
David Schraven

Quelle : http://www.netzwerkrecherche.de

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