Im nordsyrischen Dschisr al Schughur sind dem staatlichen Fernsehen zufolge 120 Menschen getötet worden, die meisten von ihnen waren Polizisten. Der Ort war am Wochenende Schauplatz einer Militäraktion zur Niederschlagung der Proteste gegen Staatschef Assad. Das Regime geht seit Mitte März mit äußerster Härte gegen Oppositionelle vor.

Von Ulrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman

120 Menschen sollen getötet, ihre Leichen verstümmelt und manche in einen Fluss geworfen worden sein. Das meldete das syrische Staatsfernsehen am Abend. Bei den Toten soll es sich meist um Angehörige der Sicherheitskräfte handeln. Etliche seien in der Stadt Dschisr al Schughur von Bewaffneten in einen Hinterhalt gelockt und erschossen worden, andere Schießereien zum Opfer gefallen.

Bild eines erschossenen Polizisten im syrischen Staatsfernsehen Nachprüfbar sind diese Angaben nicht. Mitglieder der Protestbewegung gegen das Regime von Präsident Assad bezweifeln die staatlichen Berichte. Vielmehr hat es nach ihrer Darstellung bei den Sicherheitskräften der Stadt im Nordwesten Syriens eine Meuterei gegeben. Die Opfer seien Polizisten, die sich geweigert hätten, auf das eigene Volk zu schießen.

Aber auch hierfür fehlt eine unabhängige Bestätigung – Syrien lässt seit Beginn der Proteste vor fast drei Monaten keine ausländischen Journalisten ins Land und schirmt die Zentren des Widerstands mit Armee und Geheimdiensten ab.

Bereits heftige Auseinandersetzungen am Samstag

In Dschisr al Schughur, einer Stadt von 50.000 Einwohnern, gibt es offenbar seit Tagen schwere Auseinandersetzungen mit Toten und Verwundeten. Nach Angaben der Opposition haben sie begonnen, als am Samstag Scharfschützen von Dächern das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffneten.

Das syrische Fernsehen unterbrach am Abend sein Programm. Der Innenminister erklärte, der Staat werde mit aller Härte gegen bewaffnete Banden zurückschlagen, die für die Taten verantwortlich seien und die Sicherheit des Landes bedrohten.

Die Lage eskaliert weiter

Es scheint, als würden die Auseinandersetzungen zwischen Opposition und Regime weiter eskalieren, auch nachdem der Staat zuletzt eine Generalamnestie angekündigt und bisher 450 Inhaftierte freigelassen hat. Allerdings sitzen weiter geschätzt 10.000 politische Gefangene weiter in Syrien ein. Die meisten wurden während der letzten Wochen oft willkürlich festgenommen. Menschenrechtsorganisationen berichten, viele von ihnen würden gefoltert.

Bei Protesten gegen Assad sollen bisher etwa 1100 Menschen ums Leben gekommen sein. Das Regime gibt seit ihrem Beginn vom Ausland unterstützten Banden die Schuld. Die Opposition, besonders in ländlichen Gegenden aktiv, erklärt dagegen, sie stehe gegen Unfreiheit, Unterdrückung und für freie Wahlen auf.

Quelle : http://www.tagesschau.de