Land unter im Reaktor

Ein Atomkraftwerk säuft ab, und möglichst niemand soll es mitbekommen.

So ließe sich das Szenario umschreiben, das sich derzeit im US-Bundesstaat Nebraska abzeichnet. Dort hat das Wasser des infolge tagelanger Regenfälle stark angeschwollenen Missouri das AKW Fort Calhoun schon vor mehreren Tagen völlig eingeschlossen. Die Betreiber versuchen, das Reaktorgebäude mit Pumpen und Sandsäcken vor einer Überflutung zu schützen.

Luftaufnahmen von dem von den Wassermassen umspülten Kraftwerksgelände lassen keinen Zweifel daran, daß die Lage zumindest ernst ist. Gleichwohl haben überregionale US-amerikanische und europäische Medien bislang kaum über den Vorfall berichtet. Die der Piratenpartei nahestehenden »Anti-Atom-Piraten« verwiesen am Montag auf pakistanische Quellen, wonach US-Präsident Barack Obama eine Nachrichtensperre verhängt haben soll. Gegenüber Lokalzeitungen in Nebraska versuchten der AKW-Betreiber OPPD und die Atomaufsichtsbehörde NRC den Eindruck zu erwecken, als sei die Lage unter Kontrolle. Behördensprecher Victor Dricks sagte, er gehe davon aus, daß in Fort Calhoun angemessene Schritte eingeleitet worden seien, um die Sicherheit des Kraftwerks und der Beschäftigten zu gewährleisten. OPPD-Vizepräsident Tim Burke versicherte, die Flutbarrieren würden auch weiteren Regenfällen und einem Anstieg der Flut standhalten. Es gebe keinen Anlaß zur Besorgnis.

Das sehen atomkritische Experten in den USA und Deutschland anders. Sie befürchten, daß eindringendes Wasser die Kühlung des Reaktors beschädigen könnte. Der Atomingenieur Arnold »Arnie« Gundersen beurteilt die Situation bereits jetzt als äußerst kritisch und warnt insbesondere vor einem Dammbruch. In diesem Fall könne ein Unfallablauf wie in Fukushima nicht ausgeschlossen werden. In den Abklingbecken des AKW Fort Calhoun lagert hochradioaktiver Atommüll der letzten 20 Betriebsjahre.

Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW vermutet, daß das Hochwasser durch undichte Stellen längst die »Kellerräume« des Atomkraftwerks erreicht hat, in denen sich empfindliche Betriebs- und Sicherheitssysteme befinden. Es sei möglich, daß die regulären Kühlsysteme in Fort Calhoun längst nicht mehr funktionierten und die Kühlung der Brennelemente bereits über Notfallmaßnahmen erfolge, warnte IPPNW-Atomexperte Henrik Paulitz am gestrigen Montag. Zwar gebe es Hoffnung auf einen glimpflichen Verlauf des Unfalls, weil der Reaktor seit April für Revisionsarbeiten abgeschaltet und die Nachzerfallswärme vergleichsweise gering sei. Es stelle sich jedoch die Frage, so Paulitz, ob es Kontakt zwischen kontaminiertem Kühlwasser und dem Flußwasser gebe. »Man kann nicht ausschließen, daß es auf diese Weise zu radioaktiven Freisetzungen in den Missouri kommt.« Da der Pegel des Flusses noch weiter ansteigen solle und weitere Dammbrüche möglich seien, könne die Lage weiter eskalieren. Wetterprognosen gehen davon aus, daß das Hochwasser in den kommenden Wochen zumindest nicht zurückgeht.

Die IPPNW bemängelt weiter, daß zwei Wochen nach Beginn des Vorfalls weder die US-amerikanischen Behörden noch die deutsche Bundesregierung die Öffentlichkeit adäquat informierten. »Es ist immer wieder das gleiche Phänomen, daß Industrie und Behörden alles tun, um derartige Vorfälle zu vertuschen und herunterzuspielen«, sagte Paulitz. Staaten und Atomindustrie seien viel zu sehr ineinander verstrickt, so daß allein deswegen der erforderliche Schutz der Bevölkerung nicht in hinreichendem Maße gewährleistet sei.

Quelle : http://www.jungewelt.de