Wer sich tiefer mit der Yoga-Lehre auseinandersetzt, kann nicht umhin, sich auch mit einer Gottesvorstellung zu befassen. Die meisten Menschen scheinen sich diesbezüglich einer unveränderlichen Meinung verschrieben zu haben. Doch ungeachtet, ob jemand die Existenz eines intelligenten Schöpfers voraussetzt oder nicht, die Kernfrage sollte eigentlich gar nicht lauten, ob es einen Gott gibt, sondern was Gott ist. In praktisch allen Fällen, in denen Menschen von der Nichtexistenz Gottes überzeugt sind, liegt dies an der Art, in der dieser Gott von einer bestimmten Religion dargestellt wird. Zum Glück sind wir schon lange nicht mehr von einer einzigen Lehre abhängig. Verschiedene Religionen in Vergleich gesetzt, entspricht das Vorhandensein einer geistigen Komponente der Schöpfung durchaus der Logik.

Die drei uns am nächsten stehenden Religionen, Christentum, Islam und Judentum, gehen im Kern auf den selben Ursprung zurück: Auf den Stammesglauben des israelitischen Volkes, dessen Wurzeln historisch nicht belegbar sind. Gewisse Kernelemente der ältesten Schriften verweisen auf eine Präsenz in Ägypten. Dass es sich bei der, im Alten Testament beschriebenen, Versklavung und Flucht um eine historische Begebenheit handelt, ist jedoch anzuzweifeln, nachdem sich in ägyptischen Quellen nicht der geringste Hinweis auf eine derartige Begebenheit findet. Einzelne Passagen der biblischen Texte lassen auf ägyptischen Ursprung schließen. So versammelt im Buch Hiob Gott seine Söhne um sich, unter ihnen auch Satan. Im Schöpfungskonzept, wie es im Tempel von Theben aufgezeichnet ist, erschuf Amon (auch Amun oder Amen genannt), der Absolute, das Götterpaar Shu (Luft) und Geb (Erde). Diesen folgten Tefnut (Wasser) und Nut (Himmel). Als nächste Generation erschienen Osiris (Licht, Leben) und Seth (Dunkelheit, Materie) mit derem Schwestern Isis und Nephthys. (Angaben nach Schwaller de Lubicz.) Ein Zusammenhang zwischen diesem Konzept und den Söhnen des angeblich alleinig existierenden Gottes der Juden, Jahwe (YHWH), einer von ihnen Satan, dessen Name, auch den Eigenschaften entsprechend, vom ägyptischen Seth abgeleitet sein könnte, liegt nahe.

Lassen Sie mich noch auf einige weiter ausgeholte Parallelen verweisen. In der indischen Gottesvorstellung steht die Trinität von Brahma (Schöpfer), Shiva (Zerstörer, Erneuerer) und Vishnu (Ausgleich) an oberster Stelle. Brahma leitet sich vom Sanskrit-Wort „brahmen“ ab, was „absolut“ bedeutet. Der Name Amen, für die ursprüngliche Schöpfungskraft nach ägyptischen Konzepten, könnte durchaus damit in Zusammenhang stehen. Auch könnte die gleichlautende Gebetsendung davon abgeleitet und die allgemein akzeptierte Bedeutung, „so sei es“, nachträglich entstanden sein.

psusennesDie Darstellung ägyptischer Pharaos und Priester, deren Kopf durch eine Schlange geziert wird, erinnert ebenfalls an das Yoga-Konzept von Kundalini, in Form einer Schlange, die vom untersten Chakra, Muladhara, ins am Scheitel gelegene Sahasrara hochgeführt werden soll.

Wie wird im Alten Testament der erste Mensch genannt? Adam. Das Sanskrit-Wort für „ich“ heißt „aham“, wobei der Buchstabe „h“ als schwaches „d“ gesprochen wird.

Derartige Dinge wurden uns im Schulunterricht natürlich nicht mitgeteilt. Wir lernten von einem Gott, der aus allen von ihm erschaffenen Völkern ein einziges auserwählte, der die Feinde dieses Volkes, also seine eigene Schöpfung, in Kriegen vernichtete, der seinen einzigen Sohn auf die Erde sandte und diesen am Kreuz leiden ließ. Dann tauchte eine politische Organisation auf, die sich als „Gottes Instrument auf Erden“ erklärte. Und wer an all dies nicht glaube, der könnte sehr leicht im Höllenfeuer enden. Gleichzeitig lässt sich dieser Gott von drei Glaubensrichtungen verehren, unternimmt aber relativ wenig, die Zwietracht zwischen diesen Gruppen aufzulösen. Es kann wohl niemandem übel genommen werden, diese Darstellung zu bezweifeln.

ganeshIn den Vedischen Schriften wird von einer Vielzahl von Göttern berichtet. Wie erwähnt, an der Spitze steht die Trinität von Brahma, Shiva und Vishnu. Doch dann gibt es noch den elefantenköpfigen Ganesh, den flötenspielenden Krishna, die ebenfalls schöpferische Tripura, die Göttin Maya, die der materiellen Welt Form gibt und noch einige tausend andere. Ich fragte meinen Lehrer in Rishikesh, was von dieser reichen Auswahl zu halten sei. „Gibt es all diese Götter wirklich? Handelt es sich um tatsächlich existierende Wesen?“, wollte ich von ihm wissen. Seine Antwort war, wie könnte es anders sein, keineswegs direkt. Er verglich sie mit einer Stopptafel!

„Wenn du mit dem Auto fährst, so hältst du vor einer Stopptafel an. Doch bleibst du dort für immer stehen? Oder fährst du weiter, sobald du siehst, dass der Weg frei ist?“

 

Voller Begeisterung berichteten die Medien vor einigen Monaten, dass Stephen Hawking festgestellt hätte, dass unser Universum auch ohne Gott entstehen konnte. Ich möchte nicht Hawkings Genialität anzweifeln. Auch behauptete er keineswegs, dass die Existenz Gottes wissenschaftlich widerlegt sei. Er gibt sich lediglich überzeugt, dass der Urknall, sobald die Voraussetzungen gegeben waren, ohne der Notwendigkeit einer kosmischen Schöpfungskraft einsetzen konnte.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, erscheint das Weltbild, das uns von den verschiedenen Wissenschaften präsentiert wird, deswegen so lückenlos, weil unerklärbare Phänomene schlicht ignoriert werden. Eines davon wäre Leben. Zwar sind die Vorgänge im Detail bekannt, die dazu führen, dass sich zwei Zellen vereinigen, aus sich selbst heraus vervielfachen und in weiterer Folge als eigenständiges Wesen existieren, doch ist es der Wissenschaft bis dato nicht gelungen, diesen Prozess einzuleiten, ohne von der Natur geschaffene Zellen zu Hilfe zu nehmen. Dass die Lebensenergie ausschließlich innerhalb von Materie generiert wird und es sich um keine äußere Kraft handelt, wird angenommen, doch beweisbar ist es keinesfalls. Genauso handelt es sich um eine durchaus anzuzweifelnde Vermutung, dass es sich bei dem, was wir als Bewusstsein erleben, um eine, in unseren Gehirnen stattfindende, Reaktion auf die verschiedenen Eindrücke handelt.

all_hubble_teleskopNehmen wir einen Größenvergleich, um zu verdeutlichen, um welche Überheblichkeit es sich handelt, unser derzeitiges wissenschaftliches Verständnis im Zusammenhang mit der Schöpfung auch nur annähernd als vollständig zu erachten. Wir leben auf dem einzigen bewohnbaren Planeten unseres Sonnensystems. Allein in unserer Milchstraße befinden sich mehrere Milliarden von Sternen. Es gibt aber auch einige Milliarden von Galaxien, jede davon wiederum mit Milliarden von Systemen. Jetzt sollte man annehmen, dass dieses Universum nicht ganz ohne Grund entstanden ist. Alle diesbezüglichen Spekulationen, ungeachtet ob wissenschaftlich oder hausgemacht, setzten sich mit unserer eigenen winzigen Existenz auseinander. Ein Haufen halbwegs intelligenter Kreaturen, die ihr bestes tun, den Planeten, auf dem sie leben, langsam kaputt zu machen. Kreaturen, die für einige Jahrzehnte auftauchen und dann wieder zu Staub zerfallen. Dass es Menschen gelungen ist, Teleskope zu schaffen, die Bilder von Galaxien liefern, die Milliarden von Lichtjahren entfernt sind, macht uns noch lange nicht zur Krönung dieser Schöpfung. Sich mit einer primitiven Gottesvorstellung nicht zufrieden zu geben, dabei handelt es sich durchaus um eine intelligente Reaktion. Doch als wie intelligent lässt sich die Annahme einstufen, dass unser Universum ohne Sinn, ohne kosmischem Plan, ohne für uns verborgene Kraft entstanden sein sollte?

 

Stellen Sie sich Bakterien in ihrem Darmtrakt vor, die zum Denken fähig wären. Wie würde deren Weltbild aussehen? Könnten sie über eine Ahnung verfügen, worum es sich bei Sonnenlicht handelt, wie Ozeane aussehen oder Kirschbäume? Das einzig wirklich Wichtige in ihrem Dasein wäre Nahrung. Und diese ist meist im Überfluss vorhanden. Ohne jegliche Anstrengung kommt ein Schub nach dem anderen. Das Rind auf den Feldern, das wachsende Gras, Regen und Sonnenschein, alles was zur Versorgung mit Fleisch beiträgt, bliebe für diese intelligenten Bakterien restlos verborgen. Und jetzt stellen Sie sich noch vor, dass diese Bakterien in Ihrem Darmtrakt über die Möglichkeit der Existenz von Menschen zu diskutieren beginnen. Ihre wahrnehmbare Welt ist eine zähflüssige Masse, die sie mit Energie versorgt.

Beginnen wir Menschen damit, uns einen Gott bildlich vorzustellen, dann erwarten wir, dass er irgendwie dem Menschen ähnlich sein muss, dass er dazu fähig sein müsste, sich uns zu zeigen. Dass er eine Sprache spricht, die wir verstehen. Dass er handelt, wie wir es erwarten. Wie weise muss ein Mensch wohl werden, bis dass er erkennt, dass er nichts weiß?

Max Planck erklärte unsere wahrnehmbare Welt als Matrix. Die Quantenphysik erkennt immer mehr, dass alles Wahrnehmbare nicht in der Form existiert wie es den Sinnen erscheint. Je eingehender wir uns mit dem Thema befassen desto mehr drängt sich die Erkenntnis auf, dass wir zwar mit einem bestimmten Ausschnitt aus dem Spektrum des Seins in seiner Gesamtheit bestens vertraut sind, aber eben nur mit diesem einen Ausschnitt.

Dürfen wir aber wirklich erwarten, dass in Schriften, die vor Jahrtausenden entstanden sind, mehr oder tieferes Wissen enthalten ist als es unsere moderne Wissenschaft zu erklären fähig ist? Woher soll dieses Wissen stammen? Welche Experimente liegen den verschiedenen Behauptungen zugrunde?

Die christliche Religion beschreitet einen sehr vereinfachten Weg. Sie beruft sich auf eine ausgewählte Schriftensammlung, nennt sie das „Wort Gottes“, besteht darauf, dass es sich bei mystischen Erklärungen um historische Ereignisse handelt und wehrt sich gegen jeden Vergleich mit anderen Konzepten. Noch komprimierter erscheint die Glaubensbasis der Muslimen. Mohammed, der Überlieferung nach des Schreibens unkundig, ließ sich vom Erzengel Gabriel einen Text diktieren, der alle vorangegangenen Schriften ebenso außer Kraft setze wie alle nachfolgenden. Sozusagen, eine für alle Ewigkeit verbriefte Wahrheit. Nicht ganz so einfach sieht es bei der jüdischen Religion aus. Neben der Thora gibt es Unmengen von talmudischer Literatur, wobei es sich überwiegend um Interpretationen handelt, die aus der Zeit nach Christus stammen. Doch hinter allem steckt die Lehre der Kabbala, die durchaus auf Logik basiert, mit den bekannten Konzepten der „Abraham-Religionen“ aber relativ wenig Gemeinsamkeiten aufweist.

Trotz der gemeinsamen Wurzeln, finden sich in den genannten Glaubensrichtungen die größten Quellen der Zwietracht. Welcher Tag der Woche ist heilig? Welche Symbole sind zulässig? Was darf gegessen werden? Wie haben sich Frauen zu kleiden? Eine Gruppe erkennt kein Problem im Tragen von Miniröcken, eine andere verschleiert das Haar oder auch das ganze Gesicht und wieder eine andere gibt sich damit zufrieden, dass Frauen Perücken tragen, um das eigene Haar zu verbergen.

Haben Sie schon jemals von Buddhisten oder Hindus Proteste gegen öffentlich ausgestellte Kreuze oder den Klang von Kirchenglocken vernommen? Ich will nicht behaupten, dass östliche Lehren völlig frei von Dogmen sind, doch stehen solche bestenfalls im Hintergrund. Es gibt auch keinen Erlöser, auf dessen Hilfe gewartet werden soll, sondern es gibt Übungen und Praktiken, die zu eigenem Verständnis führen. Die großen Lehrer der Vergangenheit, Krishna, Gautama-Buddha, Jesus Christus und noch viele andere haben den Weg gewiesen. Durch eigene Anstrengung und die passende Lebenseinstellung, ist es durchaus möglich, die überlieferten Erkenntnisse selbst zu erleben. Und unter bestimmten Voraussetzungen lässt sich sogar eine Vorstellung gewinnen, die erahnen lässt, was unter dem Begriff „Gott“ zu verstehen ist. Doch jeder Versuch, derartige Erfahrungen mit Worten zu beschreiben, führt bestenfalls zu einem verzerrten Schattenbild.

Um solche Schattenbilder handelt es sich bei den indischen Göttern, mit vier Armen und vier Beinen, mit Affen- oder Elefantenköpfen. Götter, die bestimmte Aufgaben erfüllen, wie etwa Ganesh, der für das Entfernen der Hindernisse auf unserem Weg zur Verbesserung unseres Verständnisses verantwortlich sein soll.

Es mag hilfreich sein, an einer derartigen Vorstellung festzuhalten. Doch, wie erklärte es mein Swami? „Bleibst du vor der Stopptafel für immer stehen oder fährst du weiter, wenn du erkennst, dass der Weg frei ist?“ Es mag auch zu einer Festigung der eigenen Einstellung führen, bis zu einem gewissen Grad an der Vorstellung eines allmächtigen Schöpfers festzuhalten. Buddhisten können auf dieses Konzept jedoch problemlos verzichten, wofür überzeugte Christen wiederum wenig Verständnis aufbringen und sie gelegentlich abwertend als Atheisten beizeichnen.

Eine Aussage von Sri Swami Sivananda, Begründer der Live Divine Society in Rishikesh, zeigt deutlich, wie dieser unumstritten weise Mann Gott verstanden hat. Er wurde von seinen Schülern gefragt, ob er jemals Gott gesehen hätte. Seine Antwort lautete: „Mein ganzes Leben habe ich nichts anderes gesehen als Gott!“ Der Rationalist wird gegen diese Aussage argumentieren. Der Weisheitssuchende wird versuchen, sie zu verstehen.

Quelle : http://www.theintelligence.de